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Pressebericht zum Symposium

„Psychiatrie und Menschenrechte -
Wie können wir Zwang reduzieren?“
am 19. Januar 2017, Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum

BU: v.r.n.l. Prof. Dr. Knut Hoffmann, Magrat Osterfeld, Prof. Dr. Georg Juckel, Jasna Russo, Dr. Anja Baumann, Prof. Dr. Karl H. Beine, Prof. Dr. Theresia Degener, Prof. Dr. Ingmar Steinhart, Prof. Dr. Kerstin Walther; © Angeligue Arns]

Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht, das einschließt, über Maßnahmen, die die eigene Gesundheit betreffen, selbst zu entscheiden. Freiheitsentziehende Maßnahmen und Zwangsbehandlungen sind jedoch seit jeher Teil des Interventionskatalogs psychiatrischer Behandlungen. Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention und den Entscheidungen des Bundesgerichtshofes und des Bundesverfassungsgerichtes bekommen der öffentliche und wissenschaftliche Diskurs um Zwangsbehandlungen Aufwind. Zur Bereicherung dieses Diskurses luden das Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS) und das LWL-Universitätsklinikum Bochum, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin, am 19. Januar 2017 Interessierte aus Wissenschaft und Praxis sowie Psychiatrieerfahrene zu einem interdisziplinär ausgerichteten Diskussionsforum ein. Dass es großen Informations- und Diskussionsbedarf zu diesen Fragen gibt, zeigte nicht zuletzt die bis auf den letzten Platz gefüllte Aula der EvH.

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Theresia Degener (BODYS) und Prof. Dr. Georg Juckel (LWL-Universitätsklinikum Bochum) wurden aktuelle Forschungsergebnisse bezüglich des Einsatzes von Zwang und geschlossener Unterbringung vorgestellt und notwendige Schritte zu ihrer Reduzierung diskutiert. Auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema selbst wurde kritisch hinterfragt. Den Anfang machte Prof. Dr. Karl H. Beine (St. Marien-Hospital, Hamm), der als langjähriger Experte die Entwicklungen seit der Psychiatrie-Enquete 1975 nachzeichnete und mit der ernüchternden Einschätzung schloss, dass die Psychiatriereform inzwischen ins Stocken gekommen sei. Jasna Russo (College of Health and Life Sciences, Brunel University London) widmete sich anschließend der wissenschaftlichen Bearbeitung des Themenfeldes und stellte dar, wie weit die Forschung im Bereich der Psychiatrie noch von dem in der UN BRK formulierten Anspruch entfernt ist, Betroffene bei der wissenschaftlichen Analyse und konzeptionellen Weiterentwicklung des psychiatrischen Systems einzubeziehen. Folgen dieser Exklusion seien u.a. die anhaltende Stigmatisierung psychiatrieerfahrener Menschen sowie die Beibehaltung traditioneller, zwangsbasierter Behandlungsweisen. Im zweiten Teil des Symposiums stellte Prof. Dr. Ingmar Steinhardt (Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern, Greifswald) aktuelle Studienergebnisse des BAESCAP-Forschungsverbundes bezüglich der Wohnsituation psychisch kranker Leistungsbezieher_innen der Eingliederungshilfe vor. Dabei ging er insbesondere auf die ungleiche regionale Verteilung und teilweise überproportionale Verbreitung geschlossener Unterbringungsplätze ein und problematisierte die unangemessene Unterbringung psychisch kranker Menschen in Pflegeheimen ohne therapeutisches Angebot. Margret Osterfeld (UN-Unterausschuss zur Verhütung von Folter) und Dr. Anja Baumann (Aktion Psychisch Kranke e.V.) nahmen anschließend die psychiatrische Diagnose selbst in den Blick. Diese stelle im psychiatrischen System einerseits ein Zugangskriterium für Hilfeleistungen dar. Gleichzeitig berge sie jedoch ein hohes Risiko der Stigmatisierung und führe in der Praxis häufig zu vorschnellen defizitären Zuschreibungen gegenüber Betroffenen und ihren Handlungsfähigkeiten. Auf die einzelnen Beiträge folgten jeweils angeregte Diskussionen unter reger Beteiligung des interessierten Publikums.

Prof. Dr. Juckel und Prof. Dr. Theresia Degener rundeten die Veranstaltung mit zwei kurzen Impulsreferaten und einigen Schlussworten ab. Georg Juckel fasste dabei die wichtigsten Impulse aus den vorangegangenen Beiträgen pointiert zusammen und präsentierte vor diesem Hintergrund die aktuellsten Erkenntnisse bezüglich (weiter) zu entwickelnder Alternativen zur Zwangsunterbringung und -behandlung. Er betonte, dass Wille und Wege zur Veränderung vor allem eine Frage der Haltung seien. Theresia Degener betrachtete die Psychiatrie abschließend aus der Außenperspektive und legte dar, warum der Freiheitsentzug und Zwangsbehandlung psychiatrischer Patient_innen auf der Basis von Sondergesetzen unvereinbar mit dem Menschenrechtsparadigma seien.

Text: Jana Offergeld, Franziska Witzmann

Bilder: Angeligue Arns (Gruppenbild), Jana Offergeld (Prof. Dr. Juckel, Prof. Dr. Degener)